Che bel fior!

Den Newsletter in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf. Die zwei Tage Verzögerung, Genossen, sind Teil des Plans. „Die Eskapade“ erscheint heute an dem Tag der Woche, an dem wir Werktätigen uns der geistigen Erbauung widmen. Ist dieser Tag besser gewählt? Mit Ausgabe 6 werden wir auf die Straße treten und uns als Alternative zu bourgeoisen Insta-Stories und dekandenten dm-Hauls empfehlen. In der Zeit bis dahin sind wir besonders auf Deine Kritik angewiesen. Bezichtigungen gegen die Schriftleitung nimmt Dein örtlicher Newslettersekretär gerne entgegen. 

Dennis Friedensfürst

Der „Goldene Kanye“ für außergewöhnliche Leistungen auf dem Gebiet des Größenwahns geht diese Woche an Dennis Rodman. Sein mitunter exzentrisches Auftreten hat viele vergessen lassen: Er war der Strippenzieher, der den Don-Kim-Gipfel überhaupt erst möglich gemacht hat. Entsprechend ergriffen war er denn auch, als sich Don und Kim 12 Sekunden lang die Hände geschüttelt hatten.

MEHR DAVON: Manch einer unkte, Rodmans Einsatz sei gar nicht selbstlos gewesen, sondern eine gutgelungene PR-Aktion für seinen Sponsor, eine Kryptowährung namens Potcoin. Deren Kurs hickste tatsächlich kurz in die Höhe nach Rodmans Auftritten. Auf lange Sicht war der Hicks aber tatsächlich nur ein Pups.

Was macht eigentlich …?

Es führt dieser Tage kein Weg vorbei an der Fußball-WM in Russland. Da will auch ich mich nicht ins Abseits schießen (Peng!). Keinen patriotismuskritischen Beton anrühren (Paff!). Sondern über den aufklärerischen Kampf ins deutschtümelnde Spiel finden (Tätäää!). Also stelle ich die Frage, die selbst Hajo Seppelt zu heiß war: Was macht eigentlich … Russenhocke?

Automatisiertes Dribbeln

Fußballnachrichten, besonders aus dem Amateursport, werden schon heute zu weiten Teilen von Maschinen geschrieben. Das hat mehrere Gründe. Ganz vorne mit dabei: Menschengemachter Text aus Kreisliga C lässt sich nicht wirtschaftlich betreiben. Die Auswirkungen für Mensch und Journalismus mag man unterschiedlich sehen. Unstrittig ist: Automatisierter Journalismus ist gerade im Fußball möglich, weil kaum ein anderer Sport statistisch so weit ausgeleuchtet wird (außer vielleicht Baseball, aber der interessiert hierzulande weder Mensch noch Maschine).

11 Freunde-Redakteur Christoph Biermann beschäftigt sich schon lange mit dem Zahlensystem hinterm Fußball. Das dient nicht in erster Linie Béla Réthy, damit er en passant Laufkilometer aus dem Hut zaubern kann. Vor allem Trainingspläne, Karriereprognosen und Kaufentscheidungen fußen auf den statistischen Modellen. Das macht den Fußball anders. Ob besser oder schlechter, steht in Matchplan, Biermanns neuem Buch. Zumindest hoffe ich das. Deswegen lag’s Freitag im Briefkasten.

Augen zu und weg

Dem ein oder anderen wird aufgefallen sein, dass in deutschen Charts und rundgelutschten Radios der Partisanen-Gassenhauer Bella ciao gerade fröhliche Urständ feiert. Der Remix des französischen DJs Hugel hat schon genug Sichtbarkeit von Malle bis Mecklenburg. Deshalb wird hier das Original aufgeführt. Also nicht das originale Original, sondern die Version, die den DJ auf die blasphemische Idee brachte, aus dem Sozialistenklassiker ein paar Euros rauszumelken.

In der spanischen Netflix-Serie Haus des Geldes (La Casa de Papel) wird Bella ciao rund um die Uhr gesungen und gespielt. Am emociónalsten aber am Vorabend des großen Coups. Wen das Video nicht zur Heulsuse oder wenigstens zum geldhassenden Anarchisten macht, soll bitte sofort diese E-Mail zumachen. Und stattdessen Omas Lieblingsvase bei Bares für Rares verscherbeln gehen.

MEHR DAVON: Streamingdienste werden gerne in einen Topf geworfen mit den schmierigen Algorithmen von Facebook und den anderen. Das passt ganz gut ins Unbehagen über Echo-Kammern. Ist aber ziemlicher Blödsinn, weil Netflix und Spotify ein ganz anderes Geschäftsmodell fahren als Facebook und Google. Deren Hütchenspieler-Tricks produzieren eine Reichweite, die dann an einen Wenauchimmer mit oft unbekanntem Motiv vermietet wird. Netflix‘ und Spotifys Maschine will das Produkt verbessern, für das ich, Du, er, sie, es einen ziemlich bekannten Preis zahlen. Bleibt die berechtigte Sorge, dass Streamingdienste uns in eine Monokultur führen. Kann sein. Allerdings ist das klassische System ganz offenbar auch nicht immer geeignet, kulturelle Vielfalt herzustellen. Ich selbst kann sagen: Eine Serie wie Haus des Geldes hätte es in vornetflixicher Zeit wohl kaum in meine Sehgewohnheiten geschafft. Und so viel neue Musik wie von Spotify vorgeschlagen habe ich zuvor nie entdeckt. Aber gut, das ist die ganz anekdotische Sicht eines einzelnen Kunden. Die hat beim Lamento von Branchengrößen noch nie eine große Rolle gespielt.

Hasta la próxima semana!

Ausgerechnet am 17. Juni mit kommunistischem Duktus zu kokettieren, war bestimmt nicht meine beste Idee in dieser Woche. Kommt nicht wieder vor. Bestimmt aber „Die Eskapade“.

Bis nächste Woche
Andreas