Bleib mal locker, Horst

Hallo Du,

das ist die fünfte „Eskapade“. Das heißt, das Probieren hat ein Ende, und wir laufen vom Stapel. Mir macht’s Spaß, und die Rückmeldungen sagen, mancher liest den Newsletter, und mancher mag ihn sogar. Aber viel wichtiger: Offenbar habe ich es verstanden, den moralisierend-erzieherischen Charakter des Newsletters rüberzubringen. Leser Andreas fragte zum Beispiel: „Du samma, kann man bei dir auch anschreiben lassen?“ Andreas, my team will follow up with you!

Ich sag wie’s ist: „Die Eskapade“ ist frei von Zweck (wenn man davon absieht, dass ich gerne Briefe schreibe). Trotzdem freue ich mich über jeden neuen Leser. Also leite den Newsletter doch weiter, wenn Dir gefällt, was Du siehst. Jeder, der das mindesten dreimal macht, bekommt die nächste „Eskapade“ als superanaloge Früherwarallesbesserversion nach Hause. Der Text handgeschrieben, die Bildchen rausgerissen aus Muttis Frauenzeitschrift, UHU, Glitzerstift, das ganz große „Kunst und Gestalten“-Besteck.

  • DARUM GEHT’S DIESMAL: Schweden, Musik aus Schweden, Mesut Özil, Tanzfilme, einen Rosenkrieg, Steinzeitmenschen mit Rücken
  • DARUM GEHT’S NICHT: Donald Trump, Melanias Jacke, Abba, was ehemaligen Viva-Moderatoren heute machen

Wie bullerblöd ist das denn?

Ich hab mir von Mesut Özil sagen lassen, das WM-Spiel morgen gegen Schweden sei das erste Finale. Weil man so ein Finale ja auch verlieren kann, sollten wir mindestens den Gedanken zulassen, dass es die Schweden gewesen sein könnten, die die Mannschaft nach Hause geschickt haben werden. Aber wenn ich mir einen Rausschmeißer aussuchen müsste, er wäre immer ein Schwede. Denn …
… Schweden und Deutschland verbindet eine traditionelle Freundschaft. Sagt Herfried Münkler, und der kennt sich aus. Gut, vom Dreißigjährigen Krieg mal abgesehen.

… Schweden wird zwar bei jeder Gelegenheit so bullerblöd in die Ikea-Schublade gesteckt. Aber in Wirklichkeit ist Schweden so cool, weil die Wirtschaft brummt. Und die Wirtschaft brummt, weil des Schwedens Blick in die Zukunft so sonnig ist wie das Wetter in Taka-Tuka-Land. Ups.
… Saga Norén:

MEHR DAVON: Der Deutsche pfeift derweil Mesut Özil aus. Dessen Verbrechen ist es, nicht die deutsche Nationalhymne zu singen, nicht in der Form seines Lebens zu sein und leider einen dämlichen Auftritt mit dem türkischen Präsidenten hingelegt zu haben. Es kann natürlich theoretisch sein, dass alle Pfeifer Kämpfer für die Menschenrechte sind und mithin erklärte Gegner von Recep Tayyip Erdogans durchherrschtem Machtmodus. Wer aber diese Woche Effenberg, Matthäus und Basler beim Blöken erlebt hat, muss davon ausgehen: Wer Özil auspfeift, ist zuallererst ein Arschloch.

Locker aus der Hüfte

Wenn sich nur alle mal locker machen würden. So locker wie Jeff Bridges‚ Hüften. So Hüften wie in den 300 Tanzszenen, die in diesem Filmchen zusammengeschnitten sind.

MEHR DAVON: Ob es solche Mashups in Zukunft überhaupt noch geben wird, ist seit dieser Woche ein bisschen fraglicher. Denn der EU-Rechtsausschuss hat am Mittwoch sogenannte Uploadfilter und das Leistungsschutzrecht auf europäischer Ebene beschlossen. Das einzig gute an der Sache: die Lobbyisten der Verlage.

Union ./. Union

In der Familiensache „Union gegen Union“ wird in den kommenden Tagen offenbar das Urteil gesprochen. Und falls doch nicht, dann bleibt es immerhin eine historische Leistung, dass beide Unionen es mindestens wahrscheinlich erscheinen ließen, dass sie demnächst getrennte Wege gehen. Ganz, ganz lange habe ich überlegt, welche auskennerische Referenz zu Kramer gegen Kramer, dem Scheidungsfilm schlechthin, ich hier einbauen könnte. Aber erstens kenne ich Kramer gegen Kramer gar nicht. Und zweitens ist Der Rosenkrieg natürlich die viel bessere Anleihe. Schon weil ich mir so gerne vorstelle, wie Horst Seehofer unvermittelt aufsteht bei einer nächtlichen Krisensitzung und dann sagt: „Jetzt gehe ich in die Küche und pinkele auf den Fisch.“

MEHR DAVON: Die „europäische Lösung“ und der „nationale Alleingang“ sind ein zurechtgeschustertes Gegensatzpaar, damit der Kampf um Macht wie das Ringen um Lösung aussieht. Worum es wirklich geht, und wie es deshalb ausgehen könnte, stellt diese Grafik dar („Seehofer geht in die Küche und pinkelt auf den Fisch“ fehlt allerdings):

Fettsackstyle

Der Mensch hat heute so viel Rücken, weil er sich von seiner genetischen Bestimmung entfernt hat. Statt von Liane zu Liane zu schwingen, versteift er zusehends im Bürostuhl. Diese Theorie mag zur Sehnsucht nach mehr Landluft von uns Bürohengsten und -stuten passen. Stimmt aber nicht. Rückenprobleme hatten schon Steinzeitmenschen. Rückenprobleme haben nichts mit Bürojobs zu tun, sondern mit Bequemlichkeit. Wenn eine Zivilisation sich leisten konnte, dass ein Teil der Gruppe nicht mehr umherziehen musste, dann ging das aufs Kreuz der Rumlümmler. Das hat die Bioarchäologin Brenna Hassett herausgefunden, und in ihrem Buch Warum wir sesshaft wurden und uns seither bekriegen, wenn wir nicht gerade an tödlichen Krankheiten sterben aufgeschrieben.

So ein vorhistorischer Bezug macht viel von dem heutigen Pillepalle sehr viel relativer. Deshalb liegt das Buch bald im Briefkasten.

Augen zu und weg

Schweden ist nicht eben berüchtigt für seinen Rap. Aber es gibt ihn. Yung Lean ist ein 21 Jahre alter Rapper aus Schweden. In diesen 21 Jahren ging zuerst sein Song Ginseng Strip 2002 viral, dann seine Karriere steil, und nach einem Ausflug nach Florida inklusive Xanax, Kokain und Überdosis lebt er inzwischen wieder bei seiner Familie im Stockholmer Speckgürtel. Bei Mama ist doch immer noch am cleansten.

Warum ich das erzähle? Weil Red Bottom Sky (s. unten) genauso klingt. Wie ein druffer Cloudrapper, der nicht mehr druff ist.

Bonner Republik

Ach so, schöne Grüße aus Bonn übrigens. Da bin ich gerade. Für alle, die sich fragen, wie alt der Geist im Hotel Bristol an der Poppelsdorfer Allee ist. Die Antwort ist: Aschenbecher-auf-dem-Klo-alt.

Bis nächste Woche
Andreas

Che bel fior!

Hallo Du,

den Newsletter in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf. Die zwei Tage Verzögerung, Genossen, sind Teil des Plans. „Die Eskapade“ erscheint heute an dem Tag der Woche, an dem wir Werktätigen uns der geistigen Erbauung widmen. Ist dieser Tag besser gewählt? Mit Ausgabe 6 werden wir auf die Straße treten und uns als Alternative zu bourgeoisen Insta-Stories und dekandenten dm-Hauls empfehlen. In der Zeit bis dahin sind wir besonders auf Deine Kritik angewiesen. Bezichtigungen gegen die Schriftleitung nimmt Dein örtlicher Newslettersekretär gerne entgegen.

Dennis Friedensfürst

Der „Goldene Kanye“ für außergewöhnliche Leistungen auf dem Gebiet des Größenwahns geht diese Woche an Dennis Rodman. Sein mitunter exzentrisches Auftreten hat viele vergessen lassen: Er war der Strippenzieher, der den Don-Kim-Gipfel überhaupt erst möglich gemacht hat. Entsprechend ergriffen war er denn auch, als sich Don und Kim 12 Sekunden lang die Hände geschüttelt hatten.

MEHR DAVON: Manch einer unkte, Rodmans Einsatz sei gar nicht selbstlos gewesen, sondern eine gutgelungene PR-Aktion für seinen Sponsor, eine Kryptowährung namens Potcoin. Deren Kurs hickste tatsächlich kurz in die Höhe nach Rodmans Auftritten. Auf lange Sicht war der Hicks aber tatsächlich nur ein Pups.

Was macht eigentlich …?

Es führt dieser Tage kein Weg vorbei an der Fußball-WM in Russland. Da will auch ich mich nicht ins Abseits schießen (Peng!). Keinen patriotismuskritischen Beton anrühren (Paff!). Sondern über den aufklärerischen Kampf ins deutschtümelnde Spiel finden (Tätäää!). Also stelle ich die Frage, die selbst Hajo Seppelt zu heiß war: Was macht eigentlich … Russenhocke?

Automatisiertes Dribbeln

Fußballnachrichten, besonders aus dem Amateursport, werden schon heute zu weiten Teilen von Maschinen geschrieben. Das hat mehrere Gründe. Ganz vorne mit dabei: Menschengemachter Text aus Kreisliga C lässt sich nicht wirtschaftlich betreiben. Die Auswirkungen für Mensch und Journalismus mag man unterschiedlich sehen. Unstrittig ist: Automatisierter Journalismus ist gerade im Fußball möglich, weil kaum ein anderer Sport statistisch so weit ausgeleuchtet wird (außer vielleicht Baseball, aber der interessiert hierzulande weder Mensch noch Maschine).

11 Freunde-Redakteur Christoph Biermann beschäftigt sich schon lange mit dem Zahlensystem hinterm Fußball. Das dient nicht in erster Linie Béla Réthy, damit er en passant Laufkilometer aus dem Hut zaubern kann. Vor allem Trainingspläne, Karriereprognosen und Kaufentscheidungen fußen auf den statistischen Modellen. Das macht den Fußball anders. Ob besser oder schlechter, steht in MatchplanBiermanns neuem Buch. Zumindest hoffe ich das. Deswegen lag’s Freitag im Briefkasten.

Augen zu und weg

Dem ein oder anderen wird aufgefallen sein, dass in deutschen Charts und rundgelutschten Radios der Partisanen-Gassenhauer Bella ciao gerade fröhliche Urständ feiert. Der Remix des französischen DJs Hugel hat schon genug Sichtbarkeit von Malle bis Mecklenburg. Deshalb wird hier das Original aufgeführt. Also nicht das originale Original, sondern die Version, die den DJ auf die blasphemische Idee brachte, aus dem Sozialistenklassiker ein paar Euros rauszumelken.

In der spanischen Netflix-Serie Haus des Geldes (La Casa de Papel) wird Bella ciao rund um die Uhr gesungen und gespielt. Am emociónalsten aber am Vorabend des großen Coups. Wen das Video nicht zur Heulsuse oder wenigstens zum geldhassenden Anarchisten macht, soll bitte sofort diese E-Mail zumachen. Und stattdessen Omas Lieblingsvase bei Bares für Rares verscherbeln gehen.

MEHR DAVON: Streamingdienste werden gerne in einen Topf geworfen mit den schmierigen Algorithmen von Facebook und den anderen. Das passt ganz gut ins Unbehagen über Echo-Kammern. Ist aber ziemlicher Blödsinn, weil Netflix und Spotify ein ganz anderes Geschäftsmodell fahren als Facebook und Google. Deren Hütchenspieler-Tricks produzieren eine Reichweite, die dann an einen Wenauchimmer mit oft unbekanntem Motiv vermietet wird. Netflix‘ und Spotifys Maschine will das Produkt verbessern, für das ich, Du, er, sie, es einen ziemlich bekannten Preis zahlen. Bleibt die berechtigte Sorge, dass Streamingdienste uns in eine Monokultur führen. Kann sein. Allerdings ist das klassische System ganz offenbar auch nicht immer geeignet, kulturelle Vielfalt herzustellen. Ich selbst kann sagen: Eine Serie wie Haus des Geldes hätte es in vornetflixicher Zeit wohl kaum in meine Sehgewohnheiten geschafft. Und so viel neue Musik wie von Spotify vorgeschlagen habe ich zuvor nie entdeckt. Aber gut, das ist die ganz anekdotische Sicht eines einzelnen Kunden. Die hat beim Lamento von Branchengrößen noch nie eine große Rolle gespielt.

Hasta la próxima semana!

Ausgerechnet am 17. Juni mit kommunistischem Duktus zu kokettieren, war bestimmt nicht meine beste Idee in dieser Woche. Kommt nicht wieder vor. Bestimmt aber „Die Eskapade“.

Bis nächste Woche
Andreas

 

Ich clack Dich

Hallo Du,

nach dem letzten Newsletter bekam ich zu hören: „Wie, nur Text? Und kaum Bilder?“ Also gut, diesmal ganz ohne „Rumgehühner“ (Ex-Chef zu mir). Dafür knackig, knapp und kakophonisch: Ausgabe drei von „Die Eskapade“.


Ganz groß

Durch die Ab- und Zusagerei hat man leicht den Überblick verloren, worum es noch mal ging beim Gipfel von Donald Trump mit Kim Jong-un nächste Woche in Singapur. Die Gipfel-Sherpas kümmern sich derzeit auch um andere Fragen als um eine atomwaffenfreie Welt. Sie suchen zum Beispiel einen Konferenzraum, der zwei Eingänge hat. Denn schließlich müssen beide Führer den Raum gleichzeitig betreten können. Außerdem wollen sie in gleichdicken Limousinen vorfahren. Die kann sich dem Vernehmen nach aber die nordkoreanische Seite gar nicht leisten. Und schwups, da fällt’s uns wieder ein! Wenn der Kim und der Don sich treffen, geht es zuerst um die Größe.

Auf die Größe kommt es an

MEHR DAVON: Das Groteske am Trump ist die Mutter vieler Gedankenspiele. Ein sehr einleuchtendes hat die britische Historikerin Miranda Carter angestellt. Sie vergleicht Donald Trump mit einem anderen „übellaunigen Doofkopp“: Kaiser Wilhelm II.


Gucci Man

Wo wir gerade bei irren Jungs sind, die ein zu großes Maul haben: Wer hat das Folgende gesagt?

I won’t go into a big spiel about reincarnation, but the first time I was in the Gucci store in Chicago was the closest I’ve ever felt to home.

Ja, stimmt. Viel zu einfach.

MEHR DAVON: Kanye West hat gerade eine neue Platte rausgebracht. Die Präsentation in Montanas Bergen muss kanyesk gewesen sein, wie sie kanyesker nicht hätte sein können.


Ich bin dann mal Eskapade

Gestern im Briefkasten war das Buch von Jaron Lanier, von dem man zur Zeit so viel hört und liest: „Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now“. Mit der Nase da drin werde ich in den nächsten Tagen dann mal weg sein.

Das Thema beschäftigt mich schon lange und ist auch ein Grund, warum das hier ein Newsletter ist und kein Social-Media-Schnickischnacki. Mit Datenskandalen hat mein Unwohlsein wenig zu tun. Was mir zuletzt in meinen soziale Medien angezeigt wurde, fand ich schlicht – zu doof.

Jaron Lanier: Ten Arguments For Deleting Your Social Media Accounts Right Now

MEHR DAVON: Der Schlecky Silberstein hat ja auch schon aufgeschrieben, was ihn so wurmt am Internet von jetzt gerade. Vom übergeigten Titel mal abgesehen („Das Internet muss weg“), ist das Buch ein hervorragender Klarmacher für die, die vom Feeling her ein komisches Gefühl haben, wenn die Notifications einfach keine Ruhe geben.


Mehr Fotos?

Na gut, eins noch

Es war einmal …

… im letzten Newsletter. Der drehte sich ganz und gar um die DSGVO. Wer schon das zum Gähnen fand, sollte jetzt schnell weiterscrollen. BBC-Sprecher Peter Jefferson hat das Paragrafenmonster nämlich in eine sonore Gutenachtgeschichte verwandelt. In der Runterkomm-App Calm liest er einen halbstündigen Ausschnitt aus dem Regelwerk. Gratis gibt’s das nicht, also ist die Aktion vor allem ein Marketing-Stunt. Aber ein guter, und immerhin darf man auf YouTube eine Minute lang probieren. Zum Wegnicken reicht das.


Wie gemein

Ich breche bei Texten sofort das Lesen ab, sobald ich „Narrativ“ sehe. Weil ich die Sinnstiftung über Meta-Erzählungen, ohne die auch die Postmoderne nun mal nicht auskommt, kritisch beäuge? Ehm. Nein. Weil „Narrativ“ ein ausgelutschtes Modewort ist. Und ich trage ja auch keine Karottenjeans.

Steile Kurve: Das englische „Narrative“ in Reddit seit 2007

Gemein ist nur, wenn das „Narrativ“ erst im allerallerletzen Absatz einer Rezension auftaucht. Da hat man nämlich den ganzen anderen Quatsch schon gelesen.

MEHR DAVON: Mehr davon, wirklich? Ich muss Dich warnen. Ab hier geht’s direkt ins philologische Nordkorea, ins sogenannte Feuilleton. Aber gut, deine Entscheidung


Augen zu und weg

Zum Schluss gibt’s wie immer – na gut, zum allerersten Mal – eine Musik. Musik rund ums Foto gibt’s eine Menge: Picture postcards from L.A., Paparazzi, Hey Ya! und so fort. „Ich Clack Dich“ von der niederländischen Band „Le Le“ ist weitgehend unbekannt. Dagegen muss man doch was tun.


Liebe Beta-Gemeinde. Irgendwie, ich weiß nicht, mir gefiel es besser dieses Mal. Also, wenn keiner „Um Gottes Willen!“ brüllt, geht’s so ähnlich weiter.

Bis nächste Woche
Andreas


 

Reconquista gute Laune!

Hallo Du,

das ist die zweite Ausgabe von “Die Eskapade”. Wer das liest, ist nicht doof, sondern hat sich bereit erklärt, Testleser zu sein. Also die meisten haben das (‘Tschuldigung, Mama). Der erste Newsletter war dazu da, die Maschine zum Laufen zu bringen, der Text war im Grunde Füllmaterial. Die Mail sollte bei Dir im Postfach landen, aber ich nicht im Knast wegen der DSGVO. Beides hat geklappt.

Jetzt wird der Inhalt probiert. Denn fest steht bisher nur: “Die Eskapade” soll nicht noch mal durchkauen, was Tagesschau, Böhmermann und Gauland eh schon durchgekaut haben. Denn: Das haben die ja eh schon durchgekaut. Mit der “Eskapade” hauen ihr und ich ab aus dem Eh-da – deshalb heißt sie ja auch so. Fakenews und Hasstrolle bleiben draußen. Aber hier wird nicht empört über’s doofe Internet, sondern: Reconquista gute Laune!

Das klingt ja nett, Andreas. Aber was heißt das genau? – Ich hab doch auch keine Ahnung! Ideen hab ich. Die werde ich in den nächsten vier Ausgaben ausprobieren. Ihr müsst nichts weiter tun. Wenn ihr mir aber sagt, was ihr gut fandet und was nicht, freue ich mich sehr. Eine Nachricht wäre mein größtes Glück. Aber eine Abstimmung per Daumen am Ende des Newsletters hilft mir auch schon sehr.

Genug gequatscht. Los geht’s.


Was darf’s sein, Fremder?

Meine Friseurin hat ein schlechtes Gedächtnis. Alle vier Wochen fragt sie wieder: “Wie viel Millimeter haben wir noch mal an den Seiten gemacht?” Es sind sechs, sechs Millimeter sollen meine Haare kurz sein. Ich finde das gar nicht schlimm, dass sie jedes Mal das selbe fragt. Immerhin hat sie mehr Köpfe unter der Schere als ich Frisuren auf dem Kopf. Also kann ich mir das merken, sie muss das nicht. Diese Woche hatte sie eine neue Idee: “Weißt Du was? Ich trag das nachher mal in die Kundenkartei ein.”

Moment.

In einer Datenbank will sie meine personenbezogene Haarlänge speichern? Einfach reingehackt in eine Tabelle in der Cloud womöglich? Damit wäre mein Fassonschnitt ja praktisch digitales Weltgut. Dann klickt sich morgen der Donut mampfende NSA-Sachbearbeiter durch mein Profil und sagt: “Well, six millimeters.”

Solche Gedanken macht die Datenschutzgrundverordnung. Oder vielmehr das Gewese darum. Keiner hat Ahnung und die Nerven flattern und die Panik flirrt. In unheiliger Allianz mit dem weit verbreiteten Datengeiz wird seit letztem Freitag jeder, der eine Frage stellt zu persönlichen Vorlieben (“Ein bisschen Kakaopulver auf den Cappuccino?”), skeptisch beäugt wie ein italienischer Schuldenberater. Der beste schlechteste Witz aller Zeiten ist tot: “Was darf’s sein, Fremder?” – “Wie immer.”

Personenbezogene Daten: Liest gerne „Das lustige Taschenbuch“

Es sind doch die kleinen Schnipsel vom Persönlichen, die uns zusammenkitten. Sie halten uns davon ab, uns gegenseitig die Keule über den Fassonschnitt zu ziehen. Das ist nämlich gar nicht so einfach, wenn man weiß, dass der zu Bekeulende gerne Zierkohl züchtet oder Socken von Falke trägt. Ich mag ja verstehen, wenn man Facebook, Amazon und Google lieber nicht wissen lässt, dass man abends fünf Weißbiere braucht zum Runterkommen. Aber unter echten Menschen ist das der Stoff, aus dem lebenslange Freundschaften gemacht sind.

Unser Zusammensein kann im Moment weiß Gott mehr Kitt gebrauchen. Da kann man jetzt das Grundgesetz beschwören oder Gott oder Vanilleeis, alles mögliche stiftet ja Sinn. Doch nichts machte die Welt friedvoller, als ein kleines Datenpaket hier und da einem Fremden überreicht. Es muss nicht gleich die Kontonummer sein. Aber wenn mich morgen einer fragt, ob der Platz da neben mir noch frei ist, sag ich einfach: “Schauen Sie mal, sechs Millimeter.”


Ich gebe es zu, abseitig war das Thema Datenschutz diese Woche wahrlich nicht. Aber vielleicht war das Abseitige daran der Gedanke darin.

Bis nächste Woche
Andreas


 

My name is Laux

Hände hoch!

Willkommen in der Eskapade, der Newsletter-Flucht aus irgendwo. Eigentlich gibt’s dafür das Wochenende. Aber selbst an dem trommeln die 140 Zeichen, die Shits und die Storms. Hier ruhen wir noch mal kurz aus, machen Tank & Rast im Kopf. Dann klappt’s auch mit dem Wochenende.

Bis nächste Woche
Andreas


Gutgemacht

In Ebersberg trachtet mir jemand nach dem Leben. Denn ich bin schuld, dass der Jemand seine Bankgeschäfte fürs Erste nicht mehr tätigen kann. Aus Versehen! Anstatt nämlich meinen eigenen Bank-Zugang mit Hilfe einer falschen PIN zuzusperren, tat ich das mit dem vom Jemand. Gottlob merkte ich anschließend, dass ich auf der ganz und gar falschen Internetseite war, als in der Online-Filiale die Jalousien runtergingen. Nämlich nicht bei meiner Stadtsparkasse, sondern bei der Kreissparkasse. Beide haben „München“ im Namen. Da kann man sich schon mal vergoogeln. Der Dings soll jetzt mit seinem Berater reden, damit der das Banking wieder online macht. Ich hab noch fix den Strom bezahlt (zweite Mahnung!).

Die Episode zwickt mich noch. Wo ich’s doch selbst so hasse, der Bahn Briefe zu schreiben, den neuen Ausweis erst im dritten Versuch zu bestellen oder sonst wie vom Amtsschimmel angewiehert zu werden. Und jetzt muss der Herr, nennen wir ihn Bärengruber, an meiner statt zum Schalter laufen, seinen Ausweis vorzeigen (Oh Gott! Was wenn der abgelaufen ist?) und sagen, dass er gerne sein Münchner-Merkur-Abo bezahlen würde, dass das aber nicht ginge, weil sein Bank-Zugang verrammelt sei, warum auch immer, und er jetzt eine Stunde zu spät zur Arbeit käme, weil ja die Sparkasse nur zu so ganz christlichen Zeiten aufhabe, und dass das jetzt bitte mal schnell … Aber schnell geht’s meistens nicht.

Das Internet vernichtet Briefkästen

Ich glaube nicht an Karma. Zwar vollende ich dieser Tage mein persönliches Mai-Ziel, nämlich alle vier Staffeln von „My name is Earl“ noch mal zu schauen, und wir wissen ja, dass eben dieser Earl in jeder Folge ein Böses mit einem Guten wettmachen will. „Do good things, and good things will happen.“ Diese Lesart vom Karma-Konzept ist übrigens nur eine Erfindung von Hollywood-Gurus. Denn eigentlich meint Karma nichts weiter, als dass jede Tat auch eine Folge hat. Ursache und Wirkung, ganz ohne Glücksschnickschack.

Sei’s drum, ich werde es wieder gutmachen. In zwei Wochen habe ich einen Termin auf dem Kreisverwaltungsreferat. Da kann ich keine Risiko eingehen.


Wie doof ist das denn?

Die Royal-Wedding-Welle musste diese Woche geritten werden. Auch von Guerilla-Campino Jan Böhmermann.

Fakten sind in diesem Tweet höchstens Blumenschmuck. Zum Beispiel, dass das Gegenteil von Monarchie nämlich nicht Demokratie ist, sondern Republik. Oder dass viele Monarchien ganz schön demokratisch sind, aber längst nicht alle Republiken (s. Sowjet-, Volks-, Islamische, Arabische, Pinochet, Assad und auch, ganz genau, Hitler).

Hat er den Tweet denn wirklich so und nicht ganz anders gemeint, Andreas? Irgendwas mit Fascinator, „exotische Braut“ oder Brexit vielleicht? – Nee, hat er nicht.


Wie schön ist das denn?

Seit dieser Echo-Sache ist deutscher Rap alles andere als guter Party-Talk. Wer sagt, er mag den, erntet heute von Mitte bis Haidhausen Blicke, als habe er just Palmöl für „gar nicht so schlimm“ gehalten. Die ohne Ahnung von Rap und selbst die mit haben auf dem Absatz kehrt gemacht und die bösen Buben aus dem Feuilleton schmeißen lassen. Bei allem Augenrollen darüber muss man leider zugeben, dass deutscher Rap lange nichts mehr hervorgebracht hat, von dem wir noch unseren Enkeln erzählen werden. Die Platte, die heute erschienen ist, ist immerhin ein Anfang.

Falco: Sterben um zu leben

Den gelernten Bassisten Falco kann man ganz ironiefrei den ersten Deutschrapper nennen. Nicht wegen des Sprechgesangs, sondern wegen der Attitüde. Gegen Falco sieht Yung Hurn nun mal aus wie ein RCDS-Vorsitzender, der noch bei Mutti wohnt. 20 Jahre nach Falcos Tod haben also ein paar echte Dickschiffe des Deutschraps Falco-Lieder neu aufgenommen. Nicht einfach nachgemacht, sondern rübergeholt nach heute. So anders als sonst [Spotify-Link] war Deutschrap lang nicht mehr.


Wie cool wär das denn?

Mal wieder „The Pink Panther“ gucken. Weil Inspector Clouseau schon Punk war als Punker noch gar nicht da waren.


Wie bist Du denn drauf?

Was kann ich Dir Gutes tun? Deinen bissigen Hund zur Impfung fahren? Krieg und Frieden lesen und Dir eine Zusammenfassung schicken? Per WhatsApp mit Deinem Freund Schluss machen? Hilf mir, mein Karma-Konto vollzumachen: epost@andreas-laux.net.


 

Opa, weißt Du noch?

Mein Opa mochte Rätsel. Kreuzworträtsel. Ich sehe ihn noch liegen auf dem kurzen Sofa, dicke Kissen im Rücken, die Beine hängen am anderen Ende über. In der Hand einen Kuli, auf dem Bauch steht das Heft. Ich mümmel Hefezopf mit Nutella und gucke Blödsinn im Privatfernsehen. Zu Hause gab’s kein Kabel und Schlechtes aus Zucker. Bei Oma und Opa schon.

Mein Opa guckte auch gerne Fernsehen. Noch lieber dachte er um die Ecke in der Hörzu. Wenn er was rausbekommen hatte, drehte er sich immer zu mir, hielt mir das Heft vor die Nase, las die verquere Frage noch mal vor und tippte stumm grinsend mit dem Finger auf seine Antwort. Ich verstand gar nichts. Schnell wieder Knight Rider.

Jetzt ist mein Opa tot. Er hatte keine dieser elenden Krankheiten, die Menschen am Ende in ein groteskes Ding verwandeln, das nichts mehr anzufangen weiß mit dem Leben und den Leuten. Dem man schnelle Erlösung wünscht.

Trotzdem gab es meinen Opa schon lange nicht mehr. Nicht den Opa, der Gefühle für Quatsch zu halten schien, der aber, wenn wir beide zum Schwimmen fuhren, als erstes die Schlagerkassette ins Autoradio drückte und verträumt Roland Kaiser mitsang. Nicht den kraftmeiernden Opa, der darauf bestand, mit Mitte siebzig ein Sofa in meine erste Wohnung zu wuchten. Nicht den Opa, der weiß, wer ich bin, wenn ich ihn besuche.

Als ich jetzt über die Autobahn fahre, auf dem Weg zu seiner Beerdigung, bin ich traurig, aber ich glaube nicht, dass ich was verpasst hätte. Kein „Ach, hätte ich doch noch“. Und mir fällt ein: Das, was ich vom Tod halte, hat viel zu tun mit meinen Großeltern.

Es waren wieder Ferien, ich war wieder in der Eifel. Was genau passiert war, weiß ich nicht mehr, aber an diesem Tag war mir bewusst geworden, dass das Leben irgendwann zu Ende ist. So wie man irgendwann nicht mehr an den Osterhasen glaubt, hatte ich plötzlich die brachiale Erkenntnis, dass mein erstes Meerschweinchen eben nicht auf einem sehr langen Ausflug war. Ich lag nachts im Bett und heulte wie noch nie. Das weiß ich noch. Ich wollte auf keinen Fall, dass einer aus meiner Nähe jemals dem Beispiel von Meersau Justus folgen würde. Meine Oma erklärte mir die Sache dann noch mal. Dass so ein Tod vielleicht gar nicht das endgültige Ende sei zum Beispiel. Dann war auch wieder gut.

Mit meinem Opa ging ich einmal in der Woche auf den Friedhof, wenn ich zu Besuch war. Mit frischen Grablichtern machten wir die große Runde durch die Ahnengemeinde. Mein Opa erklärte mir dann bis ins Kleinste, vor wessen Grab wir gerade standen, während ich mit den Streichhölzern und der komischen Kerze in der roten Plastikhülle rumhantieren durfte. Zum Schluss rekapitulierte er jedes Mal den Verwandschaftsgrad in einem Satz: „Das ist also dein Großonkel väterlicherseits.” Ob mein Opa seinen Bruder denn auch vermisste, hat er nie gesagt.

Die Beerdigung ist rum. Alle haben gesagt: “Jetzt ist der Jakob bei seiner Anna.” Solche Sprüche sind albern, sie sind eine Krücke für Traurige. Und Trauer ist was für Lebende, Tote kennen sie nicht. Heute habe ich den Satz auch gedacht.

Jetzt, nach dem allerletzten Besuch, weiß ich, was mir am meisten in Erinnerung bleiben wird: Mein Opa war ein Quatschkopf. Alte Witze und dumme Sprüche gehörten zu meiner Kindheit wie David Hasselhoff und Nussnougatcreme. Die Sprüche wurden irgendwann weniger, die Witze rieselten irgendwohin. Aber mit den Augen machte mein Opa weiter Faxen.

Ins Grab haben wir ihm zwei Sachen gelegt: seine goldene Uhr und diesen bekloppten Stift, der in vier Farben schreiben kann. Mit dem hat er immer seine Rätsel gelöst.

Aufschrei!

Bettina hat noch Plätze frei. Hat sie oft. Ich weiß das, denn dann schreibt sie mir eine E-Mail. Bettina bietet Sportkurse an. Nordic Walking, Wirbelsäulengymnastik, Yoga, so was. Gerade liegt Bettina wieder in meinem Posteingang rum. Sie sucht dringend Leute für einen Pilateskurs nächste Woche. Ich überlege noch.

Ich stehe seit fünf Jahren in Bettinas Kundenkartei. Ich hab ja Rücken, einen langen nämlich. Und untendran steht auch noch was schief, sagt mein Arzt. Nix tragisches, gar nicht. Aber damit es so bleibt, muss ich was tun. Nicht “Ich muss dringend mal wieder was tun”, sondern echt jetzt. Jeden Sommer laufe ich, jeden Winter nehme ich mir vor, auch im Winter zu laufen. Klappt aber eher nicht so gut. Dachte ich also, probierst du mal was neues aus zwischen Oktober und März. Sport mit Anschluss und Gruppendruck.

Zuerst hatte ich überlegt, bei einer dieser Bootcamp-Chaingangs anzuheuern, die morgens um fünf Schlamm fressen gehen im Park. Die brüllen sich gegenseitig über zwei Meter hohe Wände und spielen Völkerball mit leeren Bierfässern. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Schlamm. Aber wenn ich tatsächlich scharf drauf wäre, geschlechtsüberreifen Jungs mehrmals die Woche dabei zuzusehen, wie sie ihr Hirn auf Sparflamme runterblöken, dann würde ich professionell Junggesellenabschiede organisieren.

Nein, ganz, ganz anders sollte mein neues Sportlerlebnis sein. Ich wollte dahin gehen, wo noch nie zuvor ein Mann war. Ich fand diesen Ort. Die Turnhalle eines AWO-Altenzentrums, irgendwo im Münchner Norden. Hier macht Bettina ihre Kurse.

Bettina und ich haben uns im Internet kennengelernt. Also vielmehr ich sie, weil ich sie ergoogelt habe: “Rücken Kurs München”. Rückenpilates klang annehmbar für mich. Selbst wenn ich das “Powerhouse”, um das sich alles dreht beim Pilates, etwas dämlich benamst finde. Das ganze erschien mir immer noch ungeschminkter als all das Yogazeugs, das ja auch ganz toll sein soll für den Rücken und die Ausgeglichenheit und einfach alles. Bettinas Kurse sind geeignet für Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts. Besucht werden Bettinas Kurse von Frauen mittleren Alters. Und von mir.

Als ich da saß zum ersten Mal in der kleinen Souterrain-Turnhalle, unter mir die Gummimatte, neben mir ein Gummiband, um mich herum ein Dutzend Damen, die in der Vorstellungsrunde allesamt gesagt hatten, sie müssten dringend mal wieder was tun, da konnte ich mich gar nicht wehren und der innere sexistische Kackscheißtyp flüstert ganz, ganz leise: “Ach Mädels, Euch zeig ich doch mal, wo das Powerhouse sitzt.” Tja.

Während ich seitlings versuche, ein Bein und meinen Hintern in der Luft und den Rücken gerade zu halten, merke ich, dass ich mich gleich mal auf die falsche Seite gedreht habe. Also schaue ich direkt ins Gesicht von Rita. Rita muss so ungefähr sechzig sein und sie hat offensichtlich die Atombunkerversion eines Powerhouses. Mich schüttelt gerade der dritte Krampf im Bauch. Sie lächelt. Die Macker-Miene, die eigentlich ich mir ausgesucht hatte, hat sich Rita geschnappt.

Der sexistische Kackscheißtyp, die feige Sau, hat längst einen Abgang gemacht. Nicht, dass dieser Wicht bisher eine große Rolle gespielt hätte in meinem Leben. Sonst säße ich jetzt nicht hier, sondern würde leere Bierfässer durch den Englischen Garten werfen. Aber ein bisschen anders hatte ich mir das schon vorgestellt. Einen Hauch körperliche Überlegenheit spüren, nur für einen kleinen Moment, Hand aufs Herz, das haben auch moderne Memmen ganz gerne.

Nach einer Dreiviertelstunde habe ich die Hölle durchschritten. Bauch, Beine, Po, in allen Disziplinen haben mich Rita und die anderen aussehen lassen wie einen gestrandeten Wal ohne Flossen. Vielleicht kann ich wenigstens beim Dehnen noch ein bisschen Ergebniskosmetik betreiben, denke ich mir. Und tatsächlich, Dehnen kann ich. Es ist wie diese Szene aus Full Metal Jacket: Private Paula, der dicke, dauergrinsende Rekrut, der während der ganzen Grundausbildung nichts auf die Reihe gekriegt hat und deshalb übel Prügel von seinen Kameraden bezog, ballert sich auf dem Schießstand ins Herz seines Drill Sergeants. Der brüllt: “Wie’s scheint haben wir doch noch was gefunden, das Sie können!”

Drill Instructor Bettina dreht eine letzte Runde durch die Pilates-Gruppe, um zu kontrollieren, ob wir auch alle das richtige dehnen. Bei mir bleibt sie stehen, als ich gerade meinen rechten Fuß in Richtung Nacken zerre. “Du bist aber ganz schön gelenkig, Andreas.” Ich grinse dämlich, wie noch nie ein Private Paula dämlich gegrinst hat. Aber Bettina war noch nicht fertig: “Für einen Mann, meine ich.”

Ich höre Stimmen

Es gibt Fragen, die bekommt man lieber nicht gestellt: Haben Sie vielleicht noch eine andere Kreditkarte? Werden Sie Angaben zur Sache machen? Möchtest Du zu dieser Dschungelprüfung antreten? Oder man sitzt in der Sauna. Die Gedanken tröpfeln, der Schweiß rinnt. Plötzlich fragt es hinter einem: “Entschuldigen Sie, hat das wehgetan?”

Smalltalk ist eine hohe Kunst. Aber ich bin kein Künstler. Mehr ein Handwerker. Wenn’s drauf ankommt, schnitze auch ich Belangloses aus einer peinlichen Stille. Ich raspel Süßholz, wenn es der Sache dient. Oft tut es ja schon ein Nicken, ein Aha, ein Oho, und das Gegenüber plätschert fröhlich weiter. Das Wetter schlecht. Die Hüfte hin. Der Job: Ach, hör’n Sie auf!

Mein Problem: Ich bin ganz gerne alleine. Ich muss nicht sechs Monate im Jahr in einer bemoosten Hütte auf bretonischer Klippe einsiedeln. Aber jeden Tag etwas gedanklichen Auslauf ohne mitmenschliche Hürden, den brauche ich schon.

Wenn ich morgens in den Frühstücksraum eines Hotels komme und meine Gruppe hat keinen Platz mehr am Tisch: nicht schlimm. Setze ich mich eben woanders hin. “Andreas, dann komme ich mit Dir an den anderen Tisch.” Nee, lass mal. Möchte ich dann sagen, sage ich aber nicht. Verbietet nämlich das Protokoll. Und wer sich daran nicht hält, der bleibt nicht allein, sondern wird einsam. Ganz ohne mit Menschen geht es nun mal nicht.

An einem seligen Ort, da gehen Eigenbrötler und gesellschaftliche Konvention Hand in Hand: in der öffentlichen Sauna. An den Wänden mag stehen: Keinen Schweiß aufs Holz! Doch die oberste Regel in der textilfreien Zone lautet eigentlich: Wer quatscht, fliegt raus! Erst recht auf einer friesischen Insel. Im Januar. Wenn hier so viel Betrieb herrscht wie auf dem Flughafen Berlin-Brandenburg zur letzten Hochsaison.

Dachte ich zumindest.

Ich drehe mich trägtriefend um und sehe in die Golddoublé umrahmten Knopfaugen eines geschätzt Siebzigjährigen. Er lächelt dieses Lächeln, das Erstklässler tragen, wenn es mit der ganzen Klasse zur Feuerwehr geht. Die kleinen Zeigefinger hasten von den Atemschutzmasken zu den Schläuchen, zum, boah, Leiterwagen, und den Feuerwehrkameraden wird ganz schwindelig vom “Was ist das?”-Gequäke. Der Zeigefinger des Siebzigjährigen deutet auf eine Tätowierung in meiner Haut.

“Nein, tat es nicht.” Zu mehr Antwort kann ich mich nicht aufraffen. Immerhin verziehe ich den Mund zu so etwas wie Lächeln. Ein Kopfschütteln, ein Augenrollen, sogar eine Slapstickeinlage wäre angesichts der dämlichen Frage durchaus vertretbar gewesen. Vielleicht Hände auf die Ohren schlagen und schreien: “Die Stimmen! Oh nein, sie sind wieder da!” Aber ich bin nur Gast hier. Fürs Erste bleibt die Kirche im Dorf.

Schnelles Handeln ist jetzt gefragt. Den Schnack ersticken noch in der Aufwärmphase. In einem Café würde ich genau jetzt das Buch hervorkramen, das ich zur Mitmenschabwehr stets bei mir trage, und die Nase tief hineinstecken. Öffentliche Verkehrsmittel bieten Stinkstiefeln wie mir stets einen bequemen Ausweg: “Oh, ich muss leider raus.” Aber in der Sauna? Womit soll ich hier bitte anderweitig Beschäftigtsein schauspielern mit nichts als einem Handtuch als Requisite?

Ich müsste schon einen Herzinfarkt simulieren oder wenigstens eine kleine Ohnmacht, um dem dräuenden Smalltalk zu entkommen. Aber dann ist das Theater gleich noch viel größer. Bademeister. Tatütata. “Bedecken Sie den jungen Mann doch erst mal mit einem Handtuch da unten!” Mit der Nummer verdränge ich am Ende noch den neuen Azubi-Jahrgang der Kreissparkasse als Aufmacher in der Lokalzeitung.

Also starre ich stattdessen wieder nach vorne und bete zum finnischen Saunagott, er möge Stille einkehren lassen. Mein Finnisch ist offensichtlich stark verbesserungswürdig. Zumindest erhört der Saunagott mich nicht. “Ja, so was sieht man ja jetzt immer häufiger. Der Sohn meiner Nachbarin, der hat so ein Ding sogar am Hals. Aber der ist auch ein Nazi.” Das war’s dann wohl. Ring frei. Vorhang auf. Wir müssen reden.

Ich bin überrascht, worüber mancher sich so unterhalten mag mit nackten Fremden. Araber in München. Preiselbeeren. Wimbledon ‘85. Für nichts ist dem Siebzigjährigen die heiße Luft zu schade. Gottlob, er sucht kein echtes Gespräch. Meine Ahas und Ohos, auf die hat er’s abgesehen. Als der Monolog auf die örtlichen Immobilienpreise zusteuert (“Grotesk!”), ist das für mich das Stichwort. Ich verabschiede mich kurz in die Bretagne und kalkuliere, wie viele Banken ich überfallen müsste, um doch noch Klippenhüttenbesitzer zu werden.

Meine geistige Abwesenheit bleibt nicht unbemerkt: “Geht es Ihnen nicht gut?” Vielleicht hat der Saunagott nur ein Nickerchen gemacht. Egal, jetzt ist er wieder da! Ich stehe auf. Das Saunatuch, das das Holz vor Schweiß, aber mich nicht vor anderen Menschen beschützen konnte, werfe ich über die Schulter. “Ich muss leider raus. Ich glaube, ich werde ohnmächtig.”